FHNW Campus Dreispitz: Wie Raum das Lernen verändert
Der kürzlich eröffnete FHNW Campus Dreispitz in Basel steht für ein neues Verständnis von Hochschule. Mit seinem konsequent nutzerorientierten Ansatz für Lernen, Lehren und Vernetzung ist damit einer der ambitioniertesten Bildungsorte der Schweiz entstanden.
Im Interview zeigen Stefan Camenzind und Tanya Rüegg auf, wie sich veränderte Formen des Lernens und Lehrens räumlich übersetzen lassen und welche Rolle dabei didaktische Ansätze, vielfältige Lernlandschaften und räumliche Identität spielen.
Was ist das Besondere am FHNW Campus Dreispitz und was unterscheidet ihn von einem klassischen Hochschulgebäude?
SC: Der FHNW Campus Dreispitz steht für ein neues Modell von Hochschule: einen Campus, der nicht einfach aus einzelnen Unterrichtsräumen besteht, sondern als zusammenhängende Lernlandschaft konzipiert ist, in der der Raum selbst zu einem aktiven Bestandteil des Lernens wird.
Mit dem neuen Campus reagiert die FHNW auf grundlegende Veränderungen in der Hochschulbildung. Digitale Lehre, Künstliche Intelligenz, hybrides Arbeiten und nicht zuletzt die Erfahrungen aus der Pandemie haben die Bedeutung des physischen Campus verändert. Wenn Wissen zunehmend ortsunabhängig verfügbar ist, muss eine Hochschule vor Ort mehr bieten: Möglichkeiten für Zusammenarbeit und Vernetzung, Gemeinschaft und Zugehörigkeit und eine räumliche Qualität, die einen echten Mehrwert schafft.
Das Gebäude war zu diesem Zeitpunkt bereits geplant. Wie kam Evolution Design ins Projekt?
SC: Das Gebäude wurde von E2A Architekten entworfen, die 2017 den Architekturwettbewerb gewonnen hatten. Noch vor Baubeginn beauftragte die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) Evolution Design damit, das bestehende Architekturkonzept an die veränderten Anforderungen an Lernen, Lehren und Campusleben anzupassen und weiterzuentwickeln. Darüber hinaus wurde Evolution Design mit dem Education Design und der Innenarchitektur des gesamten Campus beauftragt.
Räumlich haben wir die bestehende Struktur deutlich geöffnet. Geschlossene Räume haben wir zu offenen Lernumgebungen weiterentwickelt, massive Wände von Unterrichtsräumen durch verglaste Trennwände ersetzt und kleinteilige, abgeschlossene Bürostrukturen in offene Arbeitswelten transformiert. Dadurch haben wir im gesamten Campus mehr Transparenz, visuelle Verbindungen und Möglichkeiten zur Interaktion sowie langfristige Flexibilität geschaffen.
Der FHNW Campus Dreispitz ist die erste umfassende räumliche Umsetzung der FHNW Strategie «Raum 2035» und zeigt exemplarisch, wie sich die Zukunft des Lernens in konkrete Räume übersetzen lässt.
Ein zentraler Gedanke des Projekts ist der Wandel vom Lehren zum Lernen. Was bedeutet das räumlich?
TR: Im Kern steht tatsächlich ein Perspektivenwechsel: vom Lehren zum Lernen. Statt den Campus primär auf klassische Wissensvermittlung und lehrpersonenzentrierten Unterricht auszurichten, unterstützt er unterschiedliche Formen des Lernens – Coaching, Projekt- und Gruppenarbeit, kollaboratives Lernen ebenso wie individuelles, konzentriertes Arbeiten und Reflexion.
Das Prinzip dahinter ist einfach, verändert die Raumplanung aber grundlegend: Nicht das Lernen soll sich an einen bestimmten Raum anpassen müssen. Vielmehr soll die gesamte Lernumgebung für jede Tätigkeit den passenden Ort und das passende räumliche Setting anbieten.
Die Lernräume ermöglichen dialogisches Lernen und Plenumsdiskussionen bis hin zum einfachen Wechsel zwischen Input, Diskussion und Gruppenarbeit in einer Lernarena. Sie werden ergänzt durch Coworking-Bereiche, Orte für Gruppenarbeit, Fokuszonen, Aussenterrassen und informelle Lounges. Lernen findet damit nicht nur im Unterrichtsraum statt, sondern kann sich über den gesamten Campus formell und informell fortsetzen.
Auch Büroflächen, Besprechungs- und Workshopräume, Labs und Orte der Begegnung für die Mitarbeitenden sind räumlich miteinander verknüpft. Dadurch wird der Austausch zwischen unterschiedlichen Disziplinen, Funktionen und Nutzergruppen gefördert.
Welche gestalterischen Prinzipien waren für die Innenarchitektur entscheidend?
TR: Neben der pädagogischen und funktionalen Transformation wurde die Innenarchitektur auf drei miteinander verbundenen Ebenen entwickelt: Komfort, Atmosphäre und Erlebnis. Diese Aspekte wurden nicht als gestalterische Ergänzung eines ansonsten funktionalen Gebäudes verstanden, sondern als grundlegende Gestaltungsprinzipien.
Die FHNW versteht sich als Präsenzhochschule. Damit Studierende den Campus auch über den Unterricht hinaus nutzen, muss er zu einem bevorzugten Lernort werden. Komfort ist deshalb kein Luxus, sondern eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Studierenden gerne Zeit auf dem Campus verbringen, gemeinsam lernen, sich vernetzen und zusammenarbeiten.
Komfort umfasst dabei das Zusammenspiel von optimaler Raumakustik, guten Lichtverhältnissen, leicht zugänglicher Stromversorgung und einer vielfältigen Möblierung. Die Möbel müssen ergonomisch überzeugen und zugleich so bequem sein, dass auch längeres Lernen und Arbeiten angenehm bleibt. Dazu gehört auch die Wahl zwischen unterschiedlichen räumlichen Settings, um für konzentriertes Arbeiten, gemeinsames Lernen oder Austausch jeweils das passende Umfeld zu finden.
Wie weit geht dieser Gedanke? Betrifft er nur die eigentlichen Lernbereiche?
SC: Nein. Dieses Prinzip wurde bewusst auch auf Räume übertragen, die traditionell einer einzigen Funktion zugeordnet werden.
Das Campus Restaurant beispielsweise wurde so gestaltet, dass es nicht nur über Mittag genutzt wird. Bequeme Sitzmöglichkeiten, integrierte Stromanschlüsse und unterschiedliche räumliche Settings ermöglichen über den ganzen Tag hinweg individuelles Arbeiten, gemeinsames Lernen oder informellen Austausch.
Damit wird auch ein Restaurant Teil der Lernlandschaft. Räume werden nicht mehr ausschliesslich über eine einzelne Funktion definiert, sondern danach, welche unterschiedlichen Aktivitäten sie im Tagesverlauf ermöglichen können.
Komfort ist das eine. Welche Rolle spielt die Atmosphäre des Campus?
TR: Wenn Komfort dazu beiträgt, dass Menschen bleiben, entscheidet die Atmosphäre darüber, ob sie sich dort auch gerne aufhalten.
Wir wollten uns deshalb ganz bewusst von dem harten, neutralen Charakter lösen, der Bildungsinstitutionen häufig prägt, und eine Umgebung schaffen, die Wärme, Vertrautheit und Wertigkeit vermittelt.
Die Materialisierung spielt dabei eine entscheidende Rolle. Ab dem ersten Obergeschoss ersetzt Parkett den ursprünglich vorgesehenen Hartbelag und bringt Wärme und Haptik in die Lernumgebungen. Vorhänge mildern die Wirkung der grossflächigen Verglasungen und der Sichtbetonstruktur, während Teppiche innerhalb der grossen offenen Flächen kleinere, intimere Inseln schaffen.
Zusammen mit Farbe, Form, Akustik und Möblierung entstehen so unterschiedliche räumliche Identitäten, die dennoch durch ein übergeordnetes Gestaltungskonzept miteinander verbunden bleiben.
Der Campus ist visuell sehr vielfältig gestaltet. Welche Idee steckt hinter dieser Differenzierung?
SC: Diese Differenzierung ist ein bewusster Bestandteil des Gestaltungskonzepts. Statt eine einzige gestalterische Sprache über den gesamten Campus zu wiederholen, erzeugen unterschiedliche Bereiche jeweils eigene Atmosphären. Sie reagieren damit auf die Vielfalt der Nutzer und deren Bedürfnisse.
Eine weitere wichtige Dimension ist das räumliche Erlebnis. Durch die verglasten Unterrichtsräume mit ihren halbtransparenten Vorhängen bleiben die vielfältigen Aktivitäten des Lehrens und Lernens im gesamten Gebäude wahrnehmbar. Wer sich durch den Campus bewegt, erlebt so den Puls einer lebendigen Hochschule – das gemeinsame Lernen, den Austausch und die Begegnungen.
Aus dem Zusammenspiel dieser Atmosphären, Aktivitäten und räumlichen Identitäten entsteht ein vielschichtiger Campus, der immer wieder neue Eindrücke und Erfahrungen bietet.
Auch die daraus entstehende visuelle Vielfalt ist beabsichtigt. In einer Architekturkultur, in der Reduktion und Einheitlichkeit häufig mit Qualität gleichgesetzt werden, formuliert der FHNW Campus Dreispitz eine andere Antwort auf die Frage, wie eine zeitgemässe Hochschule aussehen kann: Vielfalt und Differenzierung werden hier nicht als Widerspruch zu gestalterischer Qualität verstanden, sondern als wesentlicher Teil des räumlichen Erlebnisses.
Was ist letztlich die übergeordnete Idee hinter all diesen Entscheidungen?
SC: Das Projekt ersetzt Wiederholung durch Wahlmöglichkeiten und institutionelle Neutralität durch Identität.
Komfort schafft die Voraussetzung, dass Menschen bleiben. Atmosphäre sorgt dafür, dass sie sich wohlfühlen. Das räumliche Erlebnis verleiht dem Campus seinen unverwechselbaren Charakter und eine besondere Anziehungskraft.
Das übergeordnete Ziel ist letztlich sehr einfach: Es soll sich lohnen, vor Ort zu sein.